Prompting, ist das echt immer noch ein Ding?
Seit der Veröffentlichung von ChatGPT ist „Prompting“ zu einem Buzzword geworden. Plötzlich hieß es überall: Wer KI sinnvoll nutzen will, muss richtig prompten können. Es entstanden Prompt-Frameworks, Kurse und sogar neue Berufsbezeichnungen wie „Prompt Engineer“. Doch inzwischen wird immer häufiger behauptet, dass Prompting längst nicht mehr relevant sei.
Aber stimmt das wirklich?
In der jüngsten Sternstunde des VK:KIWA haben wir uns genau diese Frage gestellt. Brauchen wir Prompting noch als Kompetenz oder erledigen moderne KI-Systeme inzwischen alles selbst? Die Antworten darauf fielen überraschend unterschiedlich aus. Beteiligt waren (in alphabetischer Reihenfolge): Dr. Isabella Buck, Joscha Falck, Johanna Gröpler, Dr. Anika Limburg, Nadine Lordick, Margret Mundorf, Prof. Dr. Doris Weßels und ich.
Gerade für Menschen an Hochschulen lohnt sich ein genauer Blick auf diese Debatte. Denn wir möchten ja schon ganz gern wissen, was wir (in Zukunft) können sollten. Wenn Du bis zum Ende liest, findest Du noch einen weiteren Gedanken, warum Prompting gerade an Hochschulen weiterhin wichtig sein kann.
Wenn Du Dir die Diskussion selbst anschauen möchtest: Hier findest Du das Video der Sternstunde.
Warum viele sagen, dass Prompting irrelevant wird
Mehrere Stimmen argumentierten, dass klassische Prompt-Frameworks heute deutlich weniger wichtig seien als noch vor zwei Jahren. Moderne KI-Systeme stellen Rückfragen, ergänzen fehlende Informationen selbstständig und führen Nutzer:innen Schritt für Schritt durch Prozesse.
Statt komplizierter Eingaben gehe es zunehmend um sogenannten „Kontext“. Gemeint ist damit alles, was eine KI über Dich, Deine Aufgabe oder Dein Ziel wissen muss, um sinnvoll arbeiten zu können. Manche sprechen deshalb inzwischen lieber von „Context Engineering“ statt von „Prompt Engineering“.
Hinzu kommt, dass viele Tipps aus der Anfangszeit von ChatGPT heute kaum noch funktionieren. Dinge wie besonders komplizierte Rollenzuweisungen oder starre Prompt-Formeln verlieren an Bedeutung, weil sich die Modelle verbessern und in vielen Fällen gar keine kleinteiligen Anweisungen benötigen. Im Gegenteil: Wir verhindern dadurch, dass das Tool selbst einen besseren Weg einschlägt.
Die (immer noch weit verbreitete) Vorstellung, es gäbe den „perfekten Prompt“, wurde erwartungsgemäß kritisch gesehen. KI funktioniert nicht wie ein Automat, in den man den richtigen Code eingibt und von dem man dann automatisch das ideale Ergebnis erhält. Vielmehr entsteht Qualität oft erst im Dialog, also durch Nachfragen, Präzisierungen und iterative Zusammenarbeit mit der KI.
Warum Prompting meiner Meinung nach trotzdem wichtig bleibt
Trotzdem halte ich es für falsch, Prompting komplett abzuschreiben. Gerade im Hochschulkontext sollte Prompting weiterhin gelehrt werden, allerdings sinnvoll, aktuell und ohne den ganzen Hype.
Denn gute Prompts helfen Dir nicht nur dabei, bessere KI-Ergebnisse zu bekommen. Sie helfen Dir vor allem dabei, Klarheit über Deine eigene Aufgabe zu gewinnen.
Wenn Du einer KI erklären musst, was Du brauchst, musst Du zunächst selbst verstehen:
- Was genau ist eigentlich meine Aufgabe?
- Was ist mein Ziel?
- Welche Informationen fehlen mir noch?
- Wie soll das Ergebnis aussehen?
Das ist wertvoll, weil Du damit zunächst einmal für Dich selbst Klarheit herstellen musst.
Prompting als Denk- und Analysewerkzeug
Daran schließt sich gedanklich mein Punkt an, zu dem wir in der Diskussion leider nicht mehr gekommen sind: Ich verstehe und nutze Prompting als Analyseinstrument. Ein Prompt zeigt meist schnell, wo noch Unsicherheiten oder Wissenslücken bestehen.
Das gilt beispielsweise beim wissenschaftlichen Schreiben. Wenn Studierende Schwierigkeiten haben, einen sinnvollen Prompt zu formulieren, liegt das häufig nicht daran, dass sie „schlecht prompten“. Vielmehr fehlt oft noch Klarheit über:
- die Struktur eines wissenschaftlichen Textes,
- die Anforderungen der Aufgabe,
- die Zielsetzung der Arbeit,
- oder die einzelnen Arbeitsschritte.
Der Prompt macht diese Unsicherheiten sichtbar. Deshalb kann ein aktuelles Prompt-Framework durchaus hilfreich sein; nur nicht als starres Rezept, sondern eben eher als Orientierungshilfe. Gute Frameworks strukturieren Denkprozesse. Sie helfen Dir dabei, Aufgaben systematisch zu durchdenken und Arbeitsprozesse besser zu planen.
KI-Kompetenz ist mehr als Technik
Die Diskussion hat außerdem deutlich gemacht: Es geht längst nicht mehr nur um Technik. Wer KI sinnvoll nutzen möchte, braucht vor allem Kommunikations- und Reflexionskompetenz.
Du musst beurteilen können:
- ob eine KI-Antwort sinnvoll ist,
- ob sie wissenschaftlichen Standards entspricht,
- ob wichtige Informationen fehlen,
- oder ob die KI gerade einfach nur überzeugend formulierten Unsinn produziert.
Gerade deshalb reicht es nicht, Studierende einfach mit KI „machen zu lassen“. Hochschulen müssen Räume schaffen, in denen der reflektierte Umgang mit KI geübt werden kann. Prompting kann dabei weiterhin eine wichtige Rolle spielen, wenn man es für sich einzusetzen weiß.
Fazit: Prompting ist immer noch ein Ding, aber ein anderes als noch vor zwei Jahren
Vielleicht verschwindet der Begriff „Prompting“ irgendwann tatsächlich wieder. Vielleicht sprechen wir in ein paar Jahren nur noch über KI-Kompetenz, Kommunikation oder Kontextarbeit. Aber die zugrunde liegende Fähigkeit bleibt wichtig, nämlich klar denken, klar formulieren und Ziele präzise beschreiben zu können.
Prompting sollte deshalb nicht als magische Technik verstanden werden, mit der man KI „perfekt steuert“. Viel sinnvoller ist es, Prompting als Werkzeug zur Strukturierung von Gedanken und Aufgaben zu begreifen, denn genau das ist eine Kompetenz, die Anwender:innen an Hochschulen nicht nur für KI brauchen, sondern für das wissenschaftliche Arbeiten insgesamt.
Weiterführender Link
Hier bloggt meine Kollegin Dr. Isabella Buck aus ihrer Sicht zur VK:KIWA-Sternstunde:
Prompting bleibt Kosmetik
