Größer denken: Bildung und KI (ja, gleichzeitig!)
„KI macht Menschen ungebildeter.“
So oder ähnlich begegnet mir derzeit eine Sorge, die in vielen Bildungsdebatten mitschwingt. Manchmal wird sie differenziert formuliert, manchmal eher im Alarmton, manchmal mit einem leichten Seufzen darüber, dass Lernende nun offenbar auch noch das Denken auslagern und „gar nichts mehr selbst machen”.
Ganz unberechtigt finde ich diese Sorge nicht. Wer KI nutzt, um nicht mehr selbst zu lesen, nicht mehr selbst zu schreiben, nicht mehr selbst zu urteilen, verliert vermutlich Fähigkeiten oder entwickelt sie gar nicht erst in der nötigen Tiefe. Wenn ein System permanent Formulierungen, Zusammenfassungen, Gliederungen, Argumente und Entscheidungen anbietet, kann man sich schnell daran gewöhnen, weniger selbst zu tun. Es ist ja so herrlich bequem.
Das ist die berechtigte Seite der Deskilling-These. Als Bildungsdiagnose bleibt sie aus meiner Sicht aber zu klein, denn häufig wird so getan, als bestünde Bildung vor allem darin, bestimmte Leistungen ohne Hilfsmittel selbst zu erbringen. Erst selbst denken, dann KI. Erst Bildung, dann Werkzeug. Erst ordentlich lesen, schreiben, rechnen, recherchieren, argumentieren — und wenn das sitzt, darf die Maschine vielleicht dazukommen (aber nur, wenn die Lehrperson es erlaubt…). Das klingt zunächst vernünftig und ich habe in einem Gastbeitrag für das HFD-Forum auch für die „Erst ohne und dann mit“-Variante des Lernens plädiert. Das war allerdings im Februar 2023. Bei genauerem Hinsehen ist es mittlerweile aber echt schräg.
Bildung entsteht nicht vor der Welt
Wenn wir Bildung im humboldtschen Sinn ernst nehmen, dann ist Bildung nicht einfach das Anhäufen von Fähigkeiten. Sie ist auch nicht nur Kompetenzaufbau und schon gar nicht bloß Prüfungsfähigkeit. Bildung meint ein Verhältnis: des Menschen zur Welt, zu anderen und zu sich selbst (nachzulesen etwa in Humboldts „Theorie der Bildung des Menschen“).
Mit Humboldt lässt sich sagen: Man bildet sich nicht vor der Welt, sondern an ihr.
Und KI ist inzwischen Teil dieser Welt. Kein nettes Zusatztool für Fortgeschrittene, kein digitales Extra nach der eigentlichen Bildung, sondern eine reale Bedingung von Kommunikation, Arbeit, Schreiben, Lernen, Öffentlichkeit und Wissen.
Deshalb finde ich die Formel „erst Bildung, dann KI“ schräg. Sie behandelt KI so, als könne man sie aus Bildungsprozessen heraushalten, bis Lernende gebildet genug sind, um mit ihr umzugehen. Fun fact: Genau dieses Umgehen gehört zu Bildung (also „Umgehen“ im Sinne von „Umgang“, nicht „einen Weg außenrum nehmen“ ;-)).
Wer versucht, KI aus Unterricht und Lehre auszuschließen, schützt Bildung deshalb nicht automatisch. Die Auseinandersetzung verschiebt sich dann eher in informelle Räume. Das halte ich nicht für eine besonders tragfähige Bildungsstrategie. Ich finde, das ist eher eine Form pädagogischer Auslagerung: KI-Nutzung findet ohnehin statt, nur häufig ohne Sprache dafür, ohne Kriterien, ohne gemeinsame Reflexion und ohne geklärte Verantwortung. Sie wird nicht mehr begleitet und didaktisch fruchtbar gemacht.
KI ist nicht nur Werkzeug
Der Satz „KI ist nur ein Werkzeug“ beruhigt viele. Leider beruhigt er etwas zu schnell.
Ein Hammer ist ein Werkzeug. Ein Taschenrechner ist ein Werkzeug. Eine textgenerierende KI ist auch ein Werkzeug, aber nicht in diesem schlichten Sinn. Sie arbeitet mit Sprache und erzeugt dabei Plausibilität, bietet Deutungen an, formuliert Einwände, sortiert Gedanken, glättet Unsicherheiten und macht Vorschläge dafür, wie ich klingen, denken, argumentieren oder mich selbst beschreiben könnte. Sie simuliert Verstehen.
Damit rückt KI deutlich näher an Bildungsprozesse heran als viele ältere Werkzeuge wie der Hammer oder der Taschenrechner (diesen Vergleich habe ich ihm oben erwähnten Gastartikel auch verwendet. In drei Jahren kann offensichtlich viel passieren…).
KI ist zunächst einmal ein technisches, soziales, ökonomisches und kulturelles Phänomen. Sie ist damit „Welt”, zu der ich mich verhalten muss. Ich muss verstehen, was diese Systeme können, was sie nicht können, welche Interessen in ihnen stecken, welche Fehler sie machen, welche Autorität sie ausstrahlen und warum ihre Antworten oft so überzeugend wirken.
Zugleich bleibt KI aber nicht einfach ein Gegenstand da draußen. Sie wird zunehmend auch zu einem großen Teil des „Selbst”, zu einem Medium meines Selbstverhältnisses. Wenn ich mit KI denke und entscheide, betrifft das nicht nur irgendeine äußere Aufgabe. Es betrifft meine Sprache, mein Urteil, meinen Ausdruck, meine Verantwortung. KI ist nicht mein Selbst. Aber sie spricht an den Stellen mit, an denen sich mein Selbst bildet und zeigt.
Darin liegt die bildungstheoretische Brisanz.
Bieri: Gebildet ist, wer sich ins Verhältnis setzen kann
Peter Bieri denkt Bildung stark vom Selbstverhältnis her (Bieri 2005, „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ Festrede zur Eröffnung der Pädagogischen Hochschule Bern, abzurufen hier: https://www.phbern.ch/sites/default/files/2025-01/20051104_bieri_festrede.pdf ). Gebildet ist nicht einfach, wer viel weiß. Gebildet ist, wer sich zu sich selbst, zu den eigenen Gedanken, Wünschen, Urteilen und Ausdrucksformen in ein Verhältnis setzen kann: „Der Gebildete ist also einer, der sich in der Welt zu orientieren weiss.“ (S. 2).
Übertragen ins KI-Zeitalter mag das bedeuten, dass es egal ist, ob ein Text mit oder ohne KI entstanden ist. Vielmehr sollten wir uns fragen: Kann die Person noch sagen, was sie meint? Kann sie begründen, warum diese Formulierung passt? Erkennt sie, wo ein KI-Vorschlag glatt, aber leer ist? Merkt sie, wann eine Zusammenfassung etwas unterschlägt? Kann sie fremde Vorschläge prüfen, verändern, verwerfen, verantworten?
Wer einfach übernimmt, was gut klingt, bildet sich nicht. Es entsteht Scheinbildung, die sich in einem Text zeigt, der aussieht wie etwas Gedachtes, oder in einem Literaturverzeichnis, das Wissenschaftlichkeit vortäuscht.
Das Problem ist dabei nicht, dass KI Arbeit abnimmt. Das Problem entsteht, wenn KI die Arbeit am Verstehen unsichtbar ersetzt.
Nicht jede Entlastung führt gleich zu Ungebildetheit
Die Deskilling-Sorge übersieht häufig einen wichtigen Punkt: Nicht jede Entlastung macht ungebildeter.
Niemand fordert ernsthaft, wissenschaftliche Texte wieder mit der Hand abzuschreiben, weil Copy-and-paste sonst die Schreibfähigkeit schwächt, oder Regressionen ohne Statistikprogramm zu rechnen, um die mathematischen Fähigkeiten nicht verkümmern zu lassen. Niemand behauptet, Literaturverwaltungsprogramme zerstörten automatisch Zitierkompetenz.
So ist es auch mit KI. Sie kann entlasten, Vorschläge machen, Alternativen zeigen und Denkprozesse sichtbar machen, wenn man sie entsprechend einsetzt. Der Haken ist: Dafür braucht es Bildung, und zwar nicht vorher, sondern währenddessen.
Wir streichen daher am besten die Frage: „Dürfen Lernende KI nutzen, obwohl sie noch nicht gebildet genug sind?“ aus unseren Gedanken. Die klügere Frage lautet meiner Meinung nach: „Wie müssen Lernprozesse gestaltet sein, damit KI-Nutzung selbst bildend werden kann?“
Nicht “erst Bildung, dann KI”. Besser ist “Bildung an, mit und gegen KI”.
Wir brauchen eine Bildung an KI und mit KI. Und, jetzt kommt’s, auch eine Bildung gegen KI.
- An KI, weil sie Gegenstand von Bildung ist. Lernende müssen verstehen, was diese Systeme sind, wie sie wirken, wo ihre Grenzen liegen und warum sie gesellschaftlich relevant sind.
- Mit KI, weil sie als Denk-, Schreib- und Lerngegenüber durchaus produktiv sein kann. Sie kann Fragen zuspitzen, Gegenargumente liefern, Texte variieren, Perspektiven eröffnen, Rückmeldungen simulieren und Denkblockaden lösen.
- Gegen KI, weil Bildung auch Distanz braucht. Auf der inhaltlichen Ebene bedeutet das, dass nicht jeder Vorschlag es verdient, übernommen zu werden. Auf den Prozess bezogen möchte ich betonen, dass nicht alles, was effizient ist, auch sinnvoll ist.
Bildung im KI-Zeitalter heißt deshalb auch, Distanz aufzubauen und KI-freie Momente ernst zu nehmen. Ganz konkret etwa selbst lesen und mit den fremden Gedanken ringen. Selbst formulieren und dabei grandios scheitern. Dabei sollten wir uns nicht vormachen, dass die Welt KI-frei ist. Als Lernende können wir diese Entscheidung für KI-freie Momente für uns selbst treffen, und als Lehrende treffen wir sie manchmal aus didaktischen Gründen. Denn es gibt Zeiten, in denen KI im Lernprozess nichts zu suchen hat, weil bestimmte Erfahrungen nicht übersprungen werden sollten, wie etwa das langsame Verstehen eines schwierigen Textes oder das Aushalten einer unklaren Fragestellung. Solche Phasen müssen in der Lehre aber begründet werden, damit sie nicht zu bloßen Verboten werden und Umgehungstrategien provozieren.
Fazit
Ich fasse zusammen: Die eigentliche Gefahr bei der KI-Nutzung liegt darin, Menschen KI nutzen, ohne zu merken, was sie dabei abgeben.
KI macht sichtbar, wo Bildung fehlt.
Früher konnte man Bildung stärker daran erkennen, dass jemand etwas selbst hervorbringt: einen Text, eine Lösung, eine Recherche, eine Argumentation. Heute wird Bildung zunehmend daran sichtbar, wie jemand mit erzeugten Ergebnissen umgeht: auswählt, prüft, begründet, verbessert, verwirft, verantwortet.
Umgekehrt kann KI Bildungsprozesse vertiefen, wenn sie nicht als Abkürzung verstanden wird, sondern als Anlass zur Prüfung: Was meine ich eigentlich? Warum überzeugt mich dieser Vorschlag oder warum vielleicht eben noch nicht? Was fehlt? Was ist falsch? Was klingt nur gut? Wo muss ich selbst weiterdenken?
Die Bildungsfrage im KI-Zeitalter lautet deshalb:
Wie gestalten wir Bildung so, dass Menschen sich in einer KI-geprägten Welt zu dieser Welt und zu ihrem Selbst verhalten können?
Last but not least
Ein Lesetipp von mir von einer sehr guten Übersicht zu den ganzen “Skillings”, also De-, Re- Up- oder Newskilling. Diese findet sich bei Weßels und Maibaum (2026) https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/vom-deskilling-zum-newskilling-mit-ki-7512.