Alles zu seiner Zeit: Was Du über Schreibprozesse beim wissenschaftlichen Arbeiten wissen solltest

Hast Du Dich schon einmal mit Deinen Mitstudierenden über eine Hausarbeit unterhalten und festgestellt, wie unterschiedlich Eure Arbeitsweisen sind? Während Du noch in der Literaturrecherche steckst, hat die andere Person bereits mit Schreiben begonnen. Du fragst Dich: Mache ich etwas falsch? Nein. Schreibprozesse sind sehr individuell und beim wissenschaftlichen Schreiben gibt es kein einheitliches Schema. Dafür gibt es aber verschiedene Schreibstrategien (manchmal auch als Schreibtypen bezeichnet), die jeweils ihre eigenen Stärken und Herausforderungen mitbringen.

Hier kommen verschiedene Schreibstrategien

Ich beziehe mich im Folgenden der Einfachheit halber auf die vier Strategien von Ulrike Scheuermann.

Die Planer:innen

Diese Personen strukturieren ihren Text gedanklich bereits im Voraus. Sie entwickeln eine klare Gliederung, überlegen sich Argumentationslinien und beginnen erst dann mit dem Schreiben. Das sorgt oft für einen roten Faden und eine klare Zielorientierung. Gleichzeitig kann es aber auch passieren, dass der Einstieg ins Schreiben schwerfällt oder dass die Planung zur Hürde wird, wenn Ideen noch nicht vollständig ausgereift sind.

Die Drauflosschreiber:innen

Sie beginnen ebenfalls früh mit dem Schreiben, arbeiten aber gezielt mit mehreren Fassungen eines Textes. Durch das wiederholte Überarbeiten und Neuformulieren entstehen differenzierte und oft sehr präzise Textpassagen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich im Perfektionismus einzelner Stellen zu verlieren oder den Überblick über die verschiedenen Versionen zu verlieren.

Die Patchworkschreiber:innen

Diese Personen sind besonders flexibel beim Arbeiten. Sie springen zwischen Kapiteln, Aufgaben und Ideen hin und her und schreiben immer dort weiter, wo es gerade gut läuft. Das kann Schreibhemmungen vorbeugen und den Prozess insgesamt angenehmer machen. Allerdings erfordert diese Strategie ein gutes Maß an Selbstorganisation, um am Ende einen zusammenhängenden und kohärenten Text zu erhalten.

Doch egal welcher Schreibstrategie Du folgst: Früher oder später stellt sich die Frage, wie Du innerhalb Deines Schreibprozesses sinnvoll zwischen den einzelnen Arbeitsschritten wechselst. Diese Übergänge sind wichtig beim wissenschaftlichen Arbeiten, um effizient und sinnvoll zu arbeiten.

Step by step… Aber wann?

Die Gestaltung von Übergängen spielt beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten eine zentrale Rolle. Allerdings nicht nur auf der Textebene, sondern vor allem im eigenen Arbeitsprozess. Gemeint ist damit der Wechsel zwischen verschiedenen Phasen wie Lesen, Schreiben, Recherchieren und Überarbeiten. Viele fragen sich dabei, wann der „richtige“ Zeitpunkt ist, um von einer Phase in die nächste überzugehen: Wann hast Du genug gelesen, um mit dem Schreiben zu beginnen? Oder wann ist ein Text weit genug, um ihn zu überarbeiten? Diese Fragen setzen oft voraus, dass wissenschaftliches Arbeiten linear abläuft, doch genau das entspricht selten der Realität.

Dynamik ist normal beim wissenschaftlichen Arbeiten

Tatsächlich ist der Schreibprozess meist ein dynamisches Hin und Her. Während des Lesens entstehen bereits erste Textpassagen, und beim Schreiben werden neue Quellen entdeckt oder weitere Recherchen notwendig. Auch das Überarbeiten beginnt häufig nicht erst am Ende, sondern passiert zwischendurch immer wieder. Diese fließenden Übergänge sind grundsätzlich nichts Problematisches, sondern ein natürlicher Teil des wissenschaftlichen Arbeitens.

Aber Achtung!

Schwierig wird es jedoch, wenn diese Wechsel unbewusst geschehen. Besonders der Übergang zwischen Schreiben und Überarbeiten birgt die Gefahr, sich zu verzetteln. Wer eigentlich im Schreibfluss ist und plötzlich anfängt, Formulierungen zu perfektionieren oder Formatierungen anzupassen, unterbricht sich selbst und kommt oft nicht mehr richtig voran. Am Ende entsteht Frust, weil weder produktiv geschrieben noch gründlich überarbeitet wurde.

Deshalb ist es wichtig, die eigenen Arbeitsschritte bewusst zu gestalten.

Und wie setze ich das jetzt um?

Es hilft, sich immer wieder zu fragen, welche Tätigkeit man gerade wirklich durchführt. Man kann sich die Frage stellen: Schreibe ich einen Rohtext oder überarbeite ich? Idealerweise werden diese Tätigkeiten klar voneinander getrennt. Beim Schreiben geht es darum, Gedanken schnell und unperfekt aufs Papier zu bringen, während das Überarbeiten eine sorgfältige, analytische Herangehensweise erfordert, die sich wiederum inhaltlich, sprachlich und formal unterteilen lässt.

Wer diese Übergänge bewusst steuert, arbeitet nicht nur effizient, sondern auch zufriedener. Gleichzeitig darf man sich erlauben, zwischen den Tätigkeiten hin und her zu wechseln, solange der eigene Fortschritt dabei nicht ausgebremst wird.

Wie Du also vielleicht bemerkt hast: Schreibprozesse sind sehr individuell und können nicht mit einer Schablone bei jeder wissenschaftlichen Arbeit von jeder:m reproduziert werden. Finde also heraus, was für Dich am besten funktioniert, um einen guten Text zu produzieren.

Scheuermann, U. (2011), Die Schreibfitness-Mappe. 60 Checklisten, Beispiele und Übungen für alle, die beruflich schreiben, Wien.